CD-Rezensionen

Auf dieser Seite möchte ich einen kleinen Querschnitt durch meinen Musikgeschmack geben und Rezensionen von Platten präsentieren, die mir aus dem einen oder anderen Grund viel bedeuten. Wenn es teilweise wie Lobhudelei klingt: es ist klar, daß hier die Sahneteile meiner Sammlung stehen. Mich hinzusetzen und über mittelmäßige Platten Rezensionen zu schreiben, wäre mir wirklich zu doof.


Camel: Mirage

Eine schöne Scheibe. Eigentlich sogar eine sehr schöne Scheibe. Aber von Anfang an: Camel ist eine britische Band, die Anfang der Siebziger angefangen hat, Musik zwischen Progressive Rock, Jazz und orchestraler Musik zu machen. In den Achzigern glitt die Band wie viele andere in seichte Popgefilde ab, ohne daß das den Erfolg wesentlich erhöht hätte.

Mirage ist meiner Meinung nach das gelungenste Werk aus der Jazzrock-Phase. Die Platte lebt vom Wechsel zwischen ruhigen, verträumten Passagen mit viel Flöte, sanftem E-Piano und schönem Gesang einerseits und wilden, frickeligen Instrumentalorgien andererseits. Die Musiker sind allesamt, besonders hervorheben muß ich allerdings Andy Latimer, einen meinen absoluten Lieblingsgitarristen. Er hat nicht nur einen wunderbar vollen, singenden, angenehmen Gitarrenton, sondern auch ein untrügliches Gespür für die richtige Melodie am richtigen Ort. Ein paar perfekt gespielte Noten setzen immer wieder den richtigen Schlusspunkt unter ausgiebige Solopassagen. Nebenbei spielt Latimer auch die Flöte, die für viele der anderen Höhepunkte verantwortlich ist.

Anspieltipp und Höhepunkt der Platte ist das Zwölfminutenstück "Lady Fantasy", das nicht nur einige meiner Lieblingsgitarrenparts enthält, sondern auch vor traumhaften Melodien und Atmosphäre nur so überfließt.

Bemerkenswert an der Musik von Camel ist, daß selbst die melancholischsten Stücke nie depressiv sind, sondern immer eine gewisse Leichtigkeit ausstrahlen. Gefallen könnte die Scheibe allen, die ein Ohr für verspielte, romantische Musik haben. Wer an den ruhigen Passagen besonderen Gefallen findet, sollte auch in Camels drittes Album "The Snow Goose" reinhören - rein instrumental, sehr entspannt, sehr schön.


Dream Theater: When Dream And Day Unite

Mit dieser Scheibe trat das New Yorker Quintett Dream Theater 1989 zum ersten Mal in Erscheinung, und sie hinterließen einen bleibenden Eindruck: mit einem Streich erschufen sie einen neuen Stil, wurden zu Idolen der Metal-Musiker-Gemeinde, inspirierten dutzende und hunderte von mehr oder weniger guten Nachahmer-Bands und rämten nebenbei die beste Durchschnittswertung aller Zeiten im "Rock Hard"-Magazin ab - das muß man erstmal nachmachen.

Schon die ersten Takte lassen keinen Zweifel, daß hier geklotzt und nicht gekleckert wird. Wuchtige Gitarrenakkorde, ein durchdringender Synthi, dann setzt das Schlagzeug-Stakatto ein, und von da ab wird gehobelt, daß die Späne fallen. Während im Metal in den Jahren zuvor haupsächlich der Gitarrist im Mittelpunkt stand und sich austoben durfte, brillieren hier alle Musiker gleichermaßen: natürlich auch ein Gitarrist, der nicht mit Noten geizt (John Petrucci), aber eben auch ein klassisch ausgebildeter Keyboarder (Kevin Moore), der beweist, daß sich Synthis als Soloinstrumente nicht verstecken müsen, ein Schlagzeuger (Mike Portnoy), dem man nicht abnimmt, daß er tatsälich auch nur zwei Arme und zwei Beine besitzt, und ein Bassist (John Myung), der das Klischee von fleißigen Asiaten gerne bedient. Leider geht sein Beitrag im etwas mumpfigen Sound der Scheibe ein wenig unter.

Einen habe ich noch vergessen: Sänger Charlie Dominici, der über eine für Metal-Verhältnisse sehr angenehme, gefühlvolle Stimme verfügt. Seine Gesangslinien sorgen zu einem guten Teil für den hohen Wiedererkennungswert der Songs, und spätestens mit dem abschließenden Track "Only A Matter Of Time" muß man anerkennen, daß er seine Stimme so virtuos im Griff hat wie die anderen ihre Instrumente.

Das kompositorische Niveau der Stücke ist erschreckend hoch: trotz zig unterschiedlicher Parts und wilder Taktwechselorgien laufen die Stücke rund durch. Die überschäumende Spielfreude der Musiker, die bombastischen Arrangements und die grandiosen Melodien laden zum Mitsingen und Mitbangen ein - Langeweile? Was ist das? Ausfälle sind keine zu verzeichnen; besondere Highlights sind meiner Meinung nach der Auftakt "A Fortune In Lies", das Instrumental "Ytse Jam" und das schon erwähnte "Only A Matter Of Time". Verdientermaßen wird "When Dream And Day Unite" als einer der Meilensteine im Progressive Metal betrachtet. Wer sich für gleichermaßen anspruchsvolle wie testosterongeladene Musik begeistern kann, kommt an dieser Scheibe nicht vorbei.


Fates Warning: Awaken The Guardian

Diese Platte kann man hassen, heiß und innig lieben oder einfach langweilig finden, selbst wenn man Heavy Metal prinzipiell gut findet. Ich gehöre zu den Leuten, die sie lieben - warum, ist allerdings nicht ganz einfach in Worte zu fassen.

Fates Warning waren eine der ersten Bands, die das Untergenre Progressive Metal geprägt haben. Ihr erstes Werk "Night on Bröcken" war noch ein relativ langweiliger Iron Maiden-Abklatsch, mit "The Spectre Within" wurde es dann schon sehr interessant, und auf "Awaken the Guardian" brachten Fates Warning 1986 ihren Stil zur Perfektion. Der Sound ist immer noch sehr vom traditionellen Heavy Metal geprägt: zwei schwer verzerrte Gitarren und ein Sänger von der Sorte, die gerne als Kastraten bezeichnet wird, bestimmen die Klanglandschaft.

In Sachen Songwriting beschreiten Fates Warning allerdings Pfade, die damals sehr unüblich waren und die bisher kaum jemand so richtig nachmachen konnte. Die gängigen Strukturen von Strophe, Refrain und Solo lösen sich auf und werden ersetzt durch fließende Übergänge, weltentrückte Zwischenteile und epische Finale. Die Stücke sind zwar bei den ersten Durchläufen sperrig, die Melodien fressen sich allerdings nach mehrmaligem Hören um so fester in den Gehörgängen fest, auch wenn sie schwer zu greifen und fast unmöglich zu singen sind. Im Lauf der Zeit offenbaren sich dann immer weitere Details und Zusammenhänge, die man zu Anfang überhört.

Was die Scheibe wirklich aus der Menge von ausgetüftelten Progressive-Metal-Alben hervorhebt, ist die emotionale Tiefe. Die Stücke strahlen eine verträumte Melancholie aus, eine gequälte Schönheit, eine traurige Hoffnung. Wer sich auf die Musik einläßt, kann die fantastischen Welten sehen, die Sänger John Arch mit verschlüsselten Worten malt und die das Plattencover sehr schön umsetzt.

Leider kam es nach der Veröffentlichung der Scheibe zu tiefgreifenden Veränderungen bei Fates Warning: John Arch wurde gefeuert, und der Stil wurde depressiver und kühler. Auf "No Exit" regieren Verzweiflung und Eskapismus. "Perfect Symmetry" ist sehr verkopft und unterkühlt - Sontitel wie "Part of the Machine" sprechen auch hier eine deutliche Sprache. Auf "Parallels" finden sich wunderbar ausgetüftelte Songs, aber auch einige Langweiler. "InsideOut" enthält leider fast ausschließlich Gurken. Erst mit "A Pleasant Shade of Gray" und "Disconnected" fanden Fates Warning zu der Tiefe zurück, die "Spectre Within" und "Awaken the Guardian" hatten, wenn auch in wesentlich modernerem und kühlerem Soundgewand.


Nicholas Lens: Terra Terra

Diese CD habe ich in der Plattensammlung meines Mitbewohners gefunden. Zuerst konnte ich dem Ganzen nur einen Kurositätswert abgewinnen, aber nach ein paar mal Anhören ging mir langsam auf, wie brilliant die Scheibe ist.

Nicholas Lens ist ein klassisch ausgebildeter Komponist aus Belgien, der, wie er selbst sagt, den Kontrast zwischen klassischer und ethnischer Musik ausloten will. Entsprechend vielseitig geht es von der Instrumentierung auch zur Sache: Piano und klassisches Orchester treffen auf Instrumente wie Koto und Er-Hu (fragt nicht), dazu kommt noch diverses Geblubber, Gebrumm und Geklöppel wahrscheinlich elektronischen Ursprungs. Aus dieses Elementen wird eine gelegentlich leicht schräge, meist aber wunderschöne und immer exotisch-interessante Klanglandschaft aufgebaut, auf der sich die Sänger austoben dürfen.

Hier zieht Lens wieder alle Register: sechs klassische Solisten und Solistinnen beeindrucken mit Stimmfülle und präziser Tonbeherrschung, wärend zwei bulgarische Sängerinnen mit ihren ziemlich näselnden, sägenden Stimmen den Kontrast bilden. Und weil wir ja nicht geizen wollen, ist außerdem noch ein Chor dabei. Der Gesang ist auch der Punkt, mit dem die meisten Hörer ihre Probleme haben dürften: Opernsänger singen halt doch anders, als man es aus Rock & Pop gewohnt ist. Gerade der Bassist und der Countertenor klingen zunäst sehr kurios: bei ersterem assoziierte ich zunächst die Brunftgesänge des Riesenochsenfroschs, und letzter, naja, er singt halt Falsett... man gewöhnt sich allerdings dran, und dann kann man die wirklich schönen Gesangspartien auch genießen. Besonders was der Tenor und die Altistin vom Stapel lassen, verdient allemal die Bezeichnung "betörend".

Erwähnt werden sollte noch, daß die Texte auf Latein sind. Im Booklet findet sich eine (freie) englische Übersetzung, aus der auch nicht alles klar wird. Im Großen und Ganzen geht es allerdings um Geburt und Erneuerung, im Gegensatz zu Lens' erster CD "Flamma Flamma", die sich mit Tod und Begräbnis auseinandersetzt. Daraus ergibt sich auch eine optimistische, verträumte Stimmung, die sich durch die Platte zieht.

Dringend zu empfehlen ist diese Platte aufgeschloßenen Hörern, die auf der Suche nach einer eher ruhigen, aber sehr vielschichtigen, interessanten und (habe ich das schon erwähnt?) schönen Scheibe sind.


Lordian Guard: Lordian Guard

Mit dieser Scheibe meldete sich Bill Tsamis, der Gitarrist der Epic-Metaller Warlord, 1995 nach längerer Abwesenheit wieder zurück in der Musikszene. Neben ihm macht noch seine Frau als Sängerin mit, und auch ein Schlagzeuger ist im Booklet genannt, obwohl das Schlagzeug relativ eindeutig aus der Dose kommt.

Tsamis ist somit für den ganzen Rest zuständig - Komposition, Texte, Gitarre, Keyboards - und kann seine Vorstellungen ohne Einschränkungen umsetzen. Was dabei herauskommt, ist sehr melodischer und epischer Metal mit hymnischen Gesangsmelodien, singenden Gitarrensoli und reichlich mittalterlich angehauchtem Bombast. Die Texte sind zum guten Teil der christlichen Mythologie entnommen ("Revelation XIX") oder an spätere Verwurstungen derselben angelehnt, wie "War in Heaven", das von Miltons "Paradise Lost" inspiriert wurde - es geht also auch hier pompös und eher humorlos zu, was aber genau zur Musik passt.

Kompositorisch kennt Tsamis keine Eile - sieben Minuten sind etwa die Durchschnittsdauer der Stücke, die zwar einerseits eine Menge instrumenteller Leckerbissen bieten, andererseits aber einen sehr aufgeräumten Eindruck machen. Jedes Nötchen ist an seinem Plätzchen, keine schlechte Abstimmung zwischen den Instrumenten stört die Harmonie und Ordnung, und auch wenn in den Soli mal die Noten nur so sprudeln, führen die Melodien immer zwingend zum nächsten Part.

Die erwähnten Soli stellen auch regelmäßig den Höhepunkt der Stücke dar - sowohl von der betörend schönen Melodieführung als auch vom wundervoll singenden Ton und der präzisen, aber gefühlvollen Umsetzung kann sich hier jeder Gitarrist noch ein Scheibchen abschneiden.

Zwei Punkte wurden von anderen Seiten bemäkelt: der Gesang ist nicht jedermanns Sache. Mir gefällt die relativ tiefe Stimme von Vidonne Sayre-Riemenschneider aber sehr gut, ebenso wie ihr relativ nüchterner Stil. Die andere Angelegenheit ist der Sound - das Schlagzeug ist wie erwähnt ein Drumcomputer, und auch sonst klingt die CD eher synthetisch. Der Schmutz, den man bei Heavy Metal erwartet, fehlt völlig, andererseits aber auch etwas die Lebendigkeit. Vielleicht gibt es bald die Möglichkeit, beide Punkte behoben zu bekommen: Bill Tsamis hat sich wieder mit Mark Zonder, dem ehemaligen Warlord-Schlagzeuger, der seitdem bei Fates Warning spielt, zusammengetan und Warlord wiederbelebt. Dabei wurden wohl auch Lordian Guard-Stücke neu bearbeitet - ich bin gespannt.


Magma: Mekanik Destruktiw Kommandöh

Womit vergleicht man Musik einer Band, die selbst als Referenz für Vergleiche dient und einen wirklich eigenen Sound gefunden hat? Vielleicht so: MDK klingt, als hätte sich Carl Orff mit ein paar Jazzmusikern und einem Gospelchor getroffen, um eine schwarze Messe zu feiern. Im Zentrum der Musik steht der Rhythmus - Schlagzeug und Bass fressen sich in repetitiven Jazzrock-Grooves fest, der Pianist beschänkt sich meist auf rhythmische Akkorde, und auch der Gesang ist akzentuiert und dient als zusätzliches Rhythmusinstrument. Dabei erzeugen Magma eine hypnotische, düstere, oft fast sakrale Stimmung, die sich durch gekonnte Dynamik- und Instrumentierungswechsel von verhalten-spannungsvoll zu ekstatisch steigert.

Wie es sich für eine Scheibe aus den Siebzigern gehört, steckt auch hinter dieser Scheibe ein Konzept, das Magma allerdings viel radikaler umgesetzt haben als viele Kollegen aus der Artrock-Schiene. Die Platte beschreibt die Geschichte des Propheten Nebehr Güdahtt, der der Menschheit die Stimme des Universums offenbart undsoweiter - wer Details wissen will, findet sie hier. Nun würde man da nie von allein draufkommen, die Texte sind nämlich auf Kobaianisch - einer Sprache, die Magma-Bandleader Christian Vander erfunden hat und die zwar auf dem Planeten Kobaia gesprochen wird, trotzdem aber entfernt nach diversen osteuropäischen Sprachen mit deutschem Einschlag klingt. Wenn ich zitieren darf:
Ioss da etnah werdett dos da MAGMA udets klowits
Owile wisoi, owile wisoi
Owile risun dowe loi loi loi
Ioss da etnah werdett dos da MAGMA udets klowits
Ioss mitlait da felt dos funker uts stik reis stits klowits
Wer jetzt denkt, die haben doch ein Rad ab, dürfte nicht völlig verkehrt liegen. Aber Genie und Wahnsinn liegen bekanntermaßen nahe beisammen. Auch die meisten anderen Magma-Scheiben bedienen sich derselben Sprache, einige sind auch inhaltlich lose mit Mekanik Destruktiw Kommandöh verknüpft. Den Stil der Band bezeichnet sie selbst übrigens mit "Zeuhl" - Kobaianisch für "himmlische Musik".

Bei aller Kaputtheit und trotz der unkonventionellen Texte ist Mekanik Destruktiw Kommandöh (passender Titel übrigens...) erstaunlich eingängig und mitreissend. Wer das außergewöhnliche Hörerlebnis sucht und Jazzrock prinzipiell nicht verkehrt findet, sollte mal reinhören. Man muß Magma nicht mögen, sie zu kennen schadet aber nicht. In diesem Sinne: Da zeuhl wortz mekanīk!


Nightwish: Wishmaster

Eine der wenigen neuen Bands, die mich in den letzten paar Jahren wirklich vom Hocker gerissen haben, ist Nightwish, eine finnische Symphonic-Metal-Band. Was sie machen, ist zwar nicht die Neuerfindung des Rades, aber in der Qualität zur Zeit unerreicht, und Wishmaster, ihr drittes und bisher letztes Studioalbum, setzt ihr Konzept bisher am besten um.

Geboten werden ausgetüftelte Metal-Stücke mit reichlich instrumentellen Finessen, viel klassischem Beiwerk (hauptsächlich von Keyboarder), sehr schönen Melodien und einer brillianten Sängerin. Letzterer merkt man ihre Ausbildung zur Opern-Sopranistin deutlich an, obwohl sie sich zum Glück mit Koloraturen und exzessivem Vibrato sehr zurückhät: sie hat genug Volumen, um sich auch in den lauten Passagen mühelos gegen ihre berserkenden Bandkollegen durchsetzen zu können, ohne zu schreien, und sie ist in der Lage, Gefühl in ihre Stimme zu legen und trotzdem präzise den Ton zu treffen. Mal abgesehen davon hat sie eine sehr angenehme Stimme.

Der Rest der Band muß sich allerdings nicht hinter Frontfrau Tarja verstecken: jeder einzelne spielt technisch anspruchsvolle Parts, die allerdings nie den Eindruck machen, als seinen sie als Angeberei auf fertige Songs draufgesetzt worden, sondern die immer im richtigen Zusammenhang stehen. Das Zusammenspiel ist exzellent, so daß die Musik groovt und brettert, daß es nur so eine Freude ist. Aufgewertet wird die Scheibe zusätzlich durch eine kristallklare, superlaute Breitwand-Vollfett-Produktion.

Die Songs sind durchweg sehr gelungen und bieten trotz des immer unverkennbaren Bandsounds eine ganze Spanne vom geradlinigem Speed-Gehüdel über lange epische Stücke mit vielen verschiedenen Parts bis hin zu balladesken Songs. Höhepunkt ist meiner Ansicht nach das wirklich zum Heulen schöne "Deep Silent Complete", aber auch alle anderen Stücke sind sehr gut. Die ganze CD strotzt vor Spielfreude und macht schlicht und ergreifend Spaß zu hören.


Rush: Exit Stage Left

Eine Live-Platte, die es in sich hat. Und vielleicht die Scheibe, die mich seinerzeit dazu gebracht hat, in Progressive Rock einzusteigen. Obwohl sie in Amerika Platten verkaufen wie Hölle, hat hierzulande noch kaum jemand von Rush gehört, deshalb muß ich etwas weiter ausholen. Rush sind ein kanadisches Trio, das seit Anfang der Siebziger in nahezu unveränderter Besetzung (Geddy Lee: Gesang, Bass, Keyboards, Alex Lifeson: Gitarren, Neil Peart: Schlagzeug) aktiv ist. Die ersten Scheiben waren relativ geradliniger, Led Zeppelin-gepräter Hardrock, doch ab etwa 1974 (mit der "2112"-LP) erweiterte die ihren Horizont und nahm die komplexen Songstrukturen, krummen Takte und häufigen Harmoniewechsel, die für Progressive Rock typisch sind, in ihren Stil mit auf. Es folgten eine ganze Reihe phantastischer Platten, auf denen inspiriertes Songwriting, Detailverliebtheit und Virtuosität zusammenkamen: A Farewell to Kings, Hemispheres, Permanent Waves und Moving Pictures.

Auf dem Höhepunkt dieser Phase nahm die Band dann Exit Stage Left auf, auf dem viele der wichtigsten und brilliantesten Stücke vertreten sind, auch (und das ist für Live-Alben ja eher ungewöhnlich) die längeren Tracks. "Länger" heißt hier 8 bis 12 Minuten - genug Zeit, um sich instrumental voll auszutoben. Nachdem jedes einzelne Bandmitglied an seinem jeweiligen Instrument Weltklasse ist (insbesondere Neal Peart hat schon einige Amateur-Schlagzeuger in tiefe Selbstwertkrisen gestürzt), wird entsprechend einiges geboten, sowohl an Soli (ja, auch vom Schlagzeug, und zwar richtig gut) als auch an Gruppenfrickelei, zwischendrin aufgelockert durch spacige Klangmalereien.

Trotz aller Details und Komplexitäten ist die Platte sehr gut zugänglich und auch einfach als angenehm zu hörende Rock-Platte zu genießen, was mir damals den Einstieg sehr erleichtert hat - ich hatte keine Ahnung, was die Jungs da im Einzelnen machen und was einen 7/8 von einem 13/8 oder einem 4/4 unterscheidet, aber die Mucke klang einfach gut. Der Rest kam dann mit hundertfachem Hören.

Leider entwickelte sich die Band in den Folgejahren in eine etwas geradlinigere, synthilastigere Richtung, in der zwar auch noch einige Klassestücke entstanden, der Zauber der Werke aus den späten Siebzigern war allerdings fort. Auch deshalb ist diese Scheibe wichtig: als ein Eindruck, wie eine der grandiosesten Rockbands der Geschichte in der Blüte ihrer Jahre live geklungen hat.

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