...oder kurz BJJ ist, wie der Name schon andeutet, eine Jiu-Jitsu-Variante, die in Brasilien entwickelt wurde. Die Gründer dieses Stiles (Mitglieder des Gracie-Clans) lernten zunächst Judo von einem reisenden japanischen Meister. Wer genau was entwickelt hat, ist nicht ganz klar, fest steht allerdings, dass sich der Gracie-Stil sehr stark in Richtung Bodenkampf spezialisierte und für den Standkampf Techniken aus dem Ringen miteinbezog. Da "Vale Tudo"-("Alles geht"-) Turniere in Brasilien anscheinend recht gängig waren, blieb auch die Regelauslegung im BJJ großzügig - es sind deutlich mehr Techniken erlaubt als im Judo, auch wenn Schlagen und Treten in BJJ-Turnieren aussen vor bleibt.
Weltweit bekannt wurde BJJ durch die Ausrichtung der ersten "Ultimate Fighting Championships" in den USA Anfang der 90er. Royce Gracie, ein Vertreter des BJJ, machte der Konkurrenz sehr nachhaltig klar, dass man ohne Bodenkampf-Kenntnisse sehr schnell sehr gründlich baden gehen kann, und gewann drei der ersten vier Turniere. BJJ verbreitete sich in den USA daraufhin explosionsartig, hat es aber in Deutschland noch nicht zu grosser Popularität gebracht.
Nachdem mir Bodenkampf im Judo schon immer Spaß gemacht hat, beschloss ich die Gelegenheit zu nutzen und nach meinem Umzug in die USA eine BJJ-Schule aufzusuchen. Dass ich dort von Weissgurten in der Pfeife geraucht wurde, bestätigte meine Entscheidung.
Obwohl sich Techniken und Strategien von Judo-Bodenkampf und BJJ ähneln, gibt es doch deutliche Unterschiede: im BJJ hat man nicht die Zeitbeschränkung im Hinterkopf, die im Judo gilt - weder wird man vom Kampfrichter unterbrochen, wenn man nach 10 Sekunden noch nirgendwohin gekommen ist, noch ist automatisch der Kampf aus, wenn man 25 Sekunden im Haltegriff gezappelt hat. Entsprechend wird wesentlich entspannter zur Sache gegangen, und Techniken, die längere Zeit brauchen, um sich zu entfalten, sind besser entwickelt. Insbesondere verschiedene Variationen der Verteidigungsstellung in Rückenlage, die im Judo praktisch nie zum Einsatz kommen, sind typisch für BJJ - Spider Guard, DeLaRiva Guard und ähnliche. Entsprechend werden auch die Konter - Guard Passes - gründlicher trainiert. Außerdem gibt es eine Reihe von Fußhebeln, Handgelenkshebeln und ähnlichen Aufgabegriffen, die im Judo verboten sind.
Über den Standkampf im BJJ kann ich nur so viel sagen, dass ich ihn in sechs Monaten kaum zu Gesicht bekommen habe. Wurftechniken scheinen etwas unterentwickelt zu sein, das Hauptaugenmerk liegt eher darauf, den Gegner überhaupt zu Boden zu bringen, egal ob man ihn dabei mit Schmackes auf den Rücken geknallt hat.
In den einschlägigen Newsgroups und Diskussionsforen sind endlose Debatten abgehalten worden, was von BJJ als Selbstverteidigungsmethode zu halten ist. Wenn so etwas wie Konsens erreicht wurde, dann dieser: wenn man es mit mehreren Angreifern zu tun hat, ist es offenkundig eine schlechte Idee, absichtlich in den Bodenkampf überzugehen - es kann aber durchaus unfreiwillig passieren, und zu wissen, was man dann zu tun hat, kann nicht schaden. In Auseinandersetzungen mit einem einzelnen Angreifer bietet BJJ die Möglichkeit, auch mit größeren und schwereren Gegnern fertig zu werden - was man von jeder vernünftigen Kampfsportart erwarten sollte, was aber nicht alle erfüllen. Auf jeden Fall schult ordentliches BJJ-Training dieselben Qualitäten, die auch in anderen "sportlichen" Kampfkünsten gefördert werden, nämlich Ausdauer, Kampfgeist, Schmerztoleranz und Improvisationsfähigkeit.